Dienstag, 18.04.2006

Heute im Ring: Sandi Thom vs. das Internet

Es klingt nach einer kuscheligen Erfolgsgeschichte: englische Sängerin überträgt Konzerte aus ihrem Wohnzimmer ins Internet; Fangemeinde wächst dramatisch; Plattenvertrag; Star. Anscheinend ist dies im Fall Sandi Thom aber eine PR-Kampagne, mit der die Musikindustrie beweist, dass sie das Internet als Marketinginstrument zwar wahrnimmt - aber noch immer glaubt, es kontrollieren zu können.

Vor einigen Monaten schlugen die Arctic Monkeys in die Welt der Musik ein: eine junge Band aus Sheffield, die über das Verschenken der eigenen Songs per Internet bekannt wurde und deren erstes Album trotzdem zum erfolgreichsten Debüt der britischen Musikgeschichte wurde.

Spätestens das hat wohl auch der Musikindustrie zu denken gegeben. Vielleicht aber auch einer PR-Agentur namens Quite Great, die sich rühmt:

"We have worked closely with such clients as Tower, Muze, PSI Net, Peoplesound, Hobomedia and Onlineclassics.com to target all elements of the on-line world whether it be magazines or web sites."

Denn es entsponn sich nach Medienberichten folgende hübsche Geschichte: Sandy Thoms Karriere stockte, sie gab Konzerte im eigenen Wohnzimmer, die sie ins Internet übertrug. Blitzschnell schoss die Zuseherschaft in den sechsstelligen Bereich hoch. Und - zack - ist natürlich der Plattenvertrag da, die ungewöhnliche Karriere wird munter in den Medien gefeiert, zum Beispiel bei CNN, der "Rolling Stone", der britische Privatsender Channel 4, ja sogar die BBC.

Klingt zu schön um wahr zu sein? Ist es wohl auch. Denn im Internet lassen sich manche Bären aufbinden, immer häufiger werden diese aber mit einem eleganten Kopfschuss erledigt und dann als Zeichen des Sieges durch Klein-Bloggersdorf gezogen wie einst schandmaskenverstellte Ehebrecherinnen.

Bei Basic Thinking ist eine sehr schöne Auflistung der Skepsis zu lesen. Es hat anscheinend keine nennenswerte Diskussion im Netz über Thom gegeben, so dass ein derart drastischer Anstieg der Konzert-Zuhörer wenig realistisch erscheint, ebenso wie Thoms Behauptung, sie habe viele Fans auf der Teeny-Homepage-Plattform Myspace.com. Und der Dienstleister, der ihre Konzerte in die Netzwelt trug, zählt zu den teuren im Lande.

Was mich aber am meisten verwundert, ist dass niemand den "Waschzettel" (wie man die Künstlerinfo nennt, die Presse-CDs beigelegt wird) zu beachten scheint, der derzeit noch online zu lesen ist. Sie stammt aus der Zeit vor den Web-Konzerten und liest sich keineswegs wie die Biographie einer gescheiterten Künstlerin. Auszug:

"While singing at a gig one night in Glasgow, she was approached by a small independent record label, 'Legacy Records which is based in Orkney. She has just completed her first ever-solo album, 'Smile it Confuses People' and it has only taken, 24 years!!...
Gigs have been falling left right and center from touring with The Proclaimers to Nizlopi and playing anything from Gilfest to Brechin Arts Festival, she's even been asked to play for Tony and Cherie Blair and Prince Andrew in March this year!"


Schon dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit der der Musik-PR-Agentur Quite Great, denn er ist auf deren Homepage ebenfalls zu finden. Und schon zur Single-Veröffentlichung im September pries Quite Great die Künstlerin:

"With one of the best vocals from any new UK female artist, and an originality that stands head and shoulders above any other singer songwriter at present, Sandi is set to make her mark in Autumn 2005."

Die Geschichte der völlig Unbekannten, die sich über das Internet einen Plattenvertrag erspielt zerbröselt Stück für Stück, so schnell, dass nicht mal Spiegel Online eine Geschichte über den wunderbaren Aufstieg der Sandy Thom verfassen konnte. Und das nicht mit Hilfe konspirativer Treffen, guter Kontakte, Beschattungen oder Insider-Informationen - sondern ganz banal mit dem Eintippen des Objektes der Berichterstattung. Gern wüsste ich, wer glaubte, mit dieser Nummer durchzukommen: die Tanja-Anjas von Quite Dumb? RCA, die Thom unter Vertrag nahmen? Sie selbst?

Egal, am Ende zählt vielleicht auch nur, was bei "Yeti don't dance" zu lesen ist:
"Her big single, "I wish I was a punk rocker" is pretty bad"

Kommentare und Trackbacks

Die Welt ist Scheisse - Aber ohne Geruch kommentiert:

Trackback: Die Musikindustrie mal wieder Gerade bei T.Knüwer gefunden und bei Basic Thinking weitergelesen. Da will uns die Musikindustrie wieder einen neuen Bären aufbinden? Man, man, man die lernen es einfach nicht… Liebe Musikindustrie, ihre Umsatzverluste haben eine einzige Ursache:...

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